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"Alle Raben sind schwarz. Alle nicht schwarzen Dinge sind Nichtraben."
Was hat dieses Zitat des Künstlers Reinhard Wanner mit seinen
Werken zu tun? Die Beantwortung dieser Frage gilt es von hinten
aufzurollen. Zunächst zu seinen Werken, da gibt es
verschiedenes. Am prägnantesten sind die schwarzen Bilder, die
von jeweils gleich dicken, aber unterschiedlich langen weissen
Querbalken unregelmässig durchzogen sind. Prägnant,
ja sogar hart wirkend sind ob des Kontrastes dieser beiden Nichtfarben
und der Strenge ihres Aufbaus. Dennoch
lassen sie dem Betrachter die Freiheit, in der Vertikale eigene
Strukturen zu entdecken, haben diese Bilder einen eigenen Rhythmus.
Ähnlich zwei andere Werke, geradezu reich an Farbe: Es treten
Rot und Blau zu den Nichtfarben hinzu. Der Grund ist weiss. Die
Querbalken sind auf schmale Striche, eben in Rot, Blau und Schwarz,
zusammengeschrumpft und zufällig über das Bild
verteilt. Es ergibt sich ein völlig anderer Charakter: zart,
aufs Minimum reduziert, dafür weniger streng und frei.
Reinhard Wanner verwendet Computerprogramme als Grundlage für
seine Bilder. Seine Berechnungen drehen sich um
die Formel X=K* X2-1.
Sein Wertebereich liegt in den Grenzen von -1 bis + 1, also um Null
herum.
Daher der Titel der Ausstellung "Le degré
zéro". Das besondere Interesse Wanners
gilt dem Verhalten dieser Zahlen im genannten Bereich. Je nach
Grösse von K (Konstante) ist es periodisch, teilperiodisch
oder chaotisch. So ergeben sich Strukturen und Muster von Chaos und
Ordnung,
die Wanner dann umsetzt.
Natürlich wirft ein solches Verfahren Fragen auf: Warum sind
diese Bilder Kunst, wenn sie doch von einer Maschine berechnet sind?
Welche Funktion hat diese Maschine eigentlich? Weshalb bedient sich
Wanner ihrer Möglichkeiten? Liesse sich nicht Gleiches auch
ohne Computereinsatz herstellen? Wo liegt der Unterschied? Für
den Betrachter sind die Berechnungen ziemlich irrelevant. Auch wenn das
zugehörige Programm neben dem Werk hängt, ist es
unmöglich, diese Zugehörigkeit zu verifizieren. Es
besteht nur ein Anschein von Nachprüfbarkeit. Des weiteren
sind die Ideen für die Berechnungen, das zu behandelnde
Problem dem Geist des Künstlers entsprungen. Ausserdem leistet
er die Umsetzung der Zahlen auf die Leinwand mit den obengenannten
Konsequenzen für den Betrachter. Mit anderen Worten: Der
Computer ist nichts anderes als ein Hilfsmittel. Er ist nicht Urheber,
nur Materiallieferant, immer in Abhängigkeit vom zuvor
eingegebenen Rechenauftrag. Hier allerdings hat er eine wichtige
Funktion, denn er kann Unmengen an Zahlen und Strukturen liefern ,
schneller und präziser als das menschliche Gehirn.
Selbstverständlich liessen sich derartige Bilder auch ohne die
Berechnungsgrundlage herstellen. Dann wäre die Verteilung der
Striche auf der Leinwand unter anderen Kriterien wie z. B. des
Künstlers Sinn für Proportionalität zu
beurteilen. Ihnen fehlte die Lust am Einsatz der modernen Technik, die
Spielerei mit ihr. Sie hätten eben einen anderen Hintergrund.
Ganz abgesehen davon, dass diese Technik ein Teil unserer
Realität ist und Reinhard Wanner eben diese in seinen Werken
zu verarbeiten sucht. Ein Teil der Werke ist
festgelegt und einer bleibt frei. Hier wiederholt sich die Opposition
von Ordnung und Chaos im Verfahren. Und der lnduktionsschluss vom
Raben? Er drückt die Vorliebe des Künstlers
für das Logische aus, für das Kalkulierbare.
Um Null, BAZ 2.Juni 1993, Dr. Susanne Ramm-Weber
Kunst- u. Kulturwissenschaftlerin, Slavistin