alle raben sind schwarz - alle nicht schwarzen dinge sind nichtraben - 00110011001101110011010100101100001000000010111000110100001101010010110000100000001011100011010100110000001000000100001101000001010011000100100101000010010001010101001000101100001000000011000100110000001101110011000100101100001000000011000100110000001110000011000001001000001011000010000000110001001100010100010101101101011000110010000001000011011010000110111101100101001011000010000000110001001100100011011100101100001000000011000100110101011010110110011100101100001000000011000100110111001011000010000000110001001110010011000100110001001011000011000100111001001110000011010000101100001000000011000100111001001110010011011100101100001000000011001000101110001100110010000001001111011110100010111000101100001000000011001000110000001011000010000000110010001100000011000100110000001011000010000000110010001100100011011000101100001000000011001000110010011011100110010000100000010100110100000101010011001011000010000000110010001101100011000000110000001000000100110101100001011001110110000101111010011010010110111001100101001011000010000000110010011000110010110000100000001100100100010100110111001110000011000100101100



artefakt




www.daswildedenken.ch



"Alle Raben sind schwarz. Alle nicht schwarzen Dinge sind Nichtraben." Was hat dieses Zitat des Künstlers Reinhard Wanner mit seinen Werken zu tun? Die Beantwortung dieser Frage gilt es von hinten aufzurollen. Zunächst zu seinen Werken, da gibt es verschiedenes. Am prägnantesten sind die schwarzen Bilder, die von jeweils gleich dicken, aber unterschiedlich langen weissen Querbalken unregelmässig durchzogen sind. Prägnant, ja sogar hart wirkend sind ob des Kontrastes dieser beiden Nichtfarben und der Strenge ihres Aufbaus. Dennoch
lassen sie dem Betrachter die Freiheit, in der Vertikale eigene Strukturen zu entdecken, haben diese Bilder einen eigenen Rhythmus. Ähnlich zwei andere Werke, geradezu reich an Farbe: Es treten Rot und Blau zu den Nichtfarben hinzu. Der Grund ist weiss. Die Querbalken sind auf schmale Striche, eben in Rot, Blau und Schwarz, zusammengeschrumpft und zufällig über das Bild verteilt. Es ergibt sich ein völlig anderer Charakter: zart, aufs Minimum reduziert, dafür weniger streng und frei. Reinhard Wanner verwendet Computerprogramme als Grundlage für seine Bilder. Seine Berechnungen drehen sich um
die Formel X=K* X2-1. Sein Wertebereich liegt in den Grenzen von -1 bis + 1, also um Null herum.
Daher der Titel der Ausstellung "Le degré zéro". Das besondere Interesse Wanners
gilt dem Verhalten dieser Zahlen im genannten Bereich. Je nach Grösse von K (Konstante) ist es periodisch, teilperiodisch oder chaotisch. So ergeben sich Strukturen und Muster von Chaos und Ordnung,
die Wanner dann umsetzt.
Natürlich wirft ein solches Verfahren Fragen auf: Warum sind diese Bilder Kunst, wenn sie doch von einer Maschine berechnet sind? Welche Funktion hat diese Maschine eigentlich? Weshalb bedient sich Wanner ihrer Möglichkeiten? Liesse sich nicht Gleiches auch ohne Computereinsatz herstellen? Wo liegt der Unterschied? Für den Betrachter sind die Berechnungen ziemlich irrelevant. Auch wenn das zugehörige Programm neben dem Werk hängt, ist es unmöglich, diese Zugehörigkeit zu verifizieren. Es besteht nur ein Anschein von Nachprüfbarkeit. Des weiteren sind die Ideen für die Berechnungen, das zu behandelnde Problem dem Geist des Künstlers entsprungen. Ausserdem leistet er die Umsetzung der Zahlen auf die Leinwand mit den obengenannten Konsequenzen für den Betrachter. Mit anderen Worten: Der Computer ist nichts anderes als ein Hilfsmittel. Er ist nicht Urheber, nur Materiallieferant, immer in Abhängigkeit vom zuvor
eingegebenen Rechenauftrag. Hier allerdings hat er eine wichtige Funktion, denn er kann Unmengen an Zahlen und Strukturen liefern , schneller und präziser als das menschliche Gehirn. Selbstverständlich liessen sich derartige Bilder auch ohne die Berechnungsgrundlage herstellen. Dann wäre die Verteilung der Striche auf der Leinwand unter anderen Kriterien wie z. B. des Künstlers Sinn für Proportionalität zu beurteilen. Ihnen fehlte die Lust am Einsatz der modernen Technik, die Spielerei mit ihr. Sie hätten eben einen anderen Hintergrund. Ganz abgesehen davon, dass diese Technik ein Teil unserer Realität ist und Reinhard Wanner eben diese in seinen Werken zu verarbeiten sucht. Ein Teil der Werke ist
festgelegt und einer bleibt frei. Hier wiederholt sich die Opposition von Ordnung und Chaos im Verfahren. Und der lnduktionsschluss vom Raben? Er drückt die Vorliebe des Künstlers für das Logische aus, für das Kalkulierbare.

Um Null, BAZ  2.Juni 1993, Dr. Susanne Ramm-Weber
Kunst- u. Kulturwissenschaftlerin, Slavistin