Die
schöne Spreewälderin.
Um die
bürgerliche Mittagszeit konnte man seit einigen Wochen
in der Wilhelmstraße ein selten anziehendes Bild des Berliner
Lebens beobachten.
Mit dem Schlage
zwölf öffnete sich eine
Seitenthür des auswärtigen Amtes und heraus trat,
einen Kinderwagen vor sich herschiebend, in der kleidsamen Tracht einer
Spreewälderin eine Amme von solcher Schönheit,
daß selbst bejahrtere Geheimräthe stehen blieben und
ihr nachsahen, wie sie die zierlichen Füße in den
schwarzen Schuhen und die von weißesten Strümpfen
prall umschlossenen Formen in anmuthigste Bewegung setzte.
Sie aber blickte
schüchtern, wie in sittsamster Trauer hinab
auf den Kinderwagen, auf den Weg, den sie zu schreiten hatte.
Doch die
Schönheit hat zu viele Feinde und in der Welt erhebt
die Niedertracht ungestraft ihr verleumderisches Haupt; sie ging sogar
so weit, zu fragen, wem die Amme im auswärtigen Amte
gehöre?
Als ob das
auswärtige Amt nöthig hätte,
Fragen zu beantworten!?!
Unsere Leser werden
längst errathen haben, daß die
schöne Spreewälderin keine Andere ist als Emma.
Und nur sie allein
wußte, daß sie furchtbaren
Plänen diente, was der Kriminalpolizei verborgen blieb. Sie
hatte Kenntniß von den heimtückischen Umtrieben, die
sie in dem unschuldigen Kinderwagen unter den Augen des Gesetzes
vermitteln mußte, weil sie geschworen hatte. Es war ein
Meisterstreich der Jesuiten, Emma als Amme in das auswärtige
Amt zu schmuggeln, denn wer konnte etwas Verdächtiges darin
finden, wenn die schöne Spreewälderin, anstatt auf
dem Wilhelmplatz zu halten, den Kinderwagen nach der
irländischen Gesandtschaft lenkte, von da zum Botschafter von
Bornholm oder zum Genuesischen Gesandten und schließlich
wieder zum Konsul von Mallorca?
Und doch klopfte Emma
das Herz, so oft sie die in Windeln gewickelten
Dokumente durch die Straßen fuhr.
»O,«
rief sie voll Schmerz.
»Hätte mein liebes Mütterlein mich doch
nicht lesen gelehrt, dann wäre ich jetzt nicht in die
schrecklichen Geheimnisse eingeweiht, die als schaudervolles Verbrechen
enden werden. Dann spänne ich die Fäden der
politischen Intriguen unwissend und mich träfe später
nicht der Fluch der Verzweifelten.«
Unwissenheit ist so
gut wie Unschuld; oft noch besser!
Deshalb war Emma so
gramvoll, wenn sie zum abessynischen Minister fuhr
oder zum Botschafter von Südamerika, deren jüngere
Legationsräthe ihr oft, aber vergebens in die Wange zu kneifen
versuchten. Sie sprach dann mit der Unnahbarkeit einer Dame von Stande
nur das eine Wort: »Meine Herren, werden Sie nicht
aggressiv,« worauf die Attaché's vor diesem
Lichtblitz unerwarteter Bildung aus dem Munde einer Magd
beschämt den Kürzeren zogen. So bestätigte
sich hier die alte Wahrheit unseres Jahrhunderts:
Bildung ist der
höchste Trumpf im Spiele des Lebens!
Und doch zitterte
Emma. Wenn einer der schäkernden
Employé's statt in ihre Wangen in den Kinderwagen griff, war
das Geheimniß entdeckt. Deshalb sann sie Tag und Nacht,
selbst während des Essens, darauf, sich aus den eisernen
Klauen der Jesuiten zu befreien und zwar um so mehr, da sie erst
kürzlich mit genauer Noth der Gefahr entronnen war, als sie um
12½ Uhr bei dem Nuntius von Ponte-Resina in der Jungstrasse
sein mußte und die Wilhelmstraße einer Absperrung
von Schutzleuten unterlag, weil eine Kompagnie Kürassiere vom
Alexanderplatz herauf zu reiten im Begriff stand.
»Lassen Sie
mich durch, gnädigster Herr
Schutzmann,« flehte Emma und begleitete ihre Bitte mit den
seelenvollsten ihr zu Gebote stehenden Blicken. Der Schutzmann blieb
seiner Instruktion gemäß unerweicht. –
»Es ist ja noch kein Helm zu sehen,« wandte sie
ein. – »Zurück!!« –
»Ich muß durch,« rief Emma mit
aufbäumendem Gräfinnenstolz. –
»Glauben Sie, wir dulden, daß das
königlich preußische Militär von
Kinderwagen überfahren wird?« rief der Schutzmann
und riß mit rauher Hand die seidenen Vorhänge des
Wägelchens auf.
Er blickte hinein,
stieß einen gellenden Schrei aus, fiel
jählings auf den Asphalt und lag da wie eine Leiche.
Man hob ihn auf und
trug ihn in die nächste Destille, wo ihm
die Schläfen mit Pommeranzen und Grünbittern so lange
eingerieben wurden, bis er zu sich kam und mit schwacher Stimme ein
Glas Wasser verlangte.
Emma benutzte die
allgemeine Verwirrung, um über den Pariser
Platz zu kommen.
Eine halbe Stunde
später sprengten die glitzernden Reiter die
Linden herauf und als sie durch das St.Johanns Thor waren, zerstreute
sich das Publikum, das bis dahin musterhaft auf dem
Bürgersteige stand, von dem es nicht um eine
Nasenlänge abwich, um sich in der abgesperrten scharfen
Zugluft keine Verschnupfung zu holen.
Emma
aber hatte bereits den Plan zu ihrer Befreiung gefaßt.