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SPIEGEL ONLINE - 09. Juni 2006, 16:15
URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,420514,00.html
DATENSCHUTZ
MySpace,
Datenmine der Geheimdienste?
An sogenannten Web 2.0-Angeboten wie MySpace freuen sich viele - und
augenscheinlich
auch die Geheimdienste. Die amerikanische NSA, berichtet "New
Scientist", nutzt die
Freunde-Netzwerke zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen
und
Beziehungsnetzwerken.
Was das Wissenschaftsmagazin "New Scientist" am Freitag berichtete,
dürfte die Euphorie über
manche neue Segnung des Internets empfindlich bremsen: Offenbar haben
US-Geheimdienste
damit begonnen, neue Möglichkeiten des Webs für das
Sammeln privater Informationen über
Internetuser zu nutzen. Entgegen kommt ihnen dabei die Auskunftsfreude
der Surfer selbst, die
ohne größere Bedenken private Informationen
über sich und ihre Beziehungen zu anderen
Menschen im Web veröffentlichen.
So seien Angebote wie MySpace mit seinen 80 Millionen
Mitgliedern ein gefundenes Fressen für das Pentagon und die
Geheimen, berichtet "New Scientist". Nicht nur, dass die Nutzer
solcher Freundschaftsnetzwerke dort persönliche
Auskünfte über
die eigene Person, über Vorlieben und Beruf gäben,
sie vernetzten
sich zudem mit Anderen mit ähnlichen Interessen.
Heraus kommen regelrechte Soziogramme, die
interessengebundene Netzwerke von Gleichgesinnten offenbaren.
Solche Daten, behauptet "New Scientist", versuchten die
Geheimen mit anderen Datenpools zu kombinieren. Die
Möglichkeiten sind schier grenzenlos: Die Kombination mit
Finanzdaten von Banken, Grundbucheinträgen,
Einkaufs-Rabattkarten, Handy- und Kreditkartenabrechnungen
verspräche mittelfristig, die Bürger durch selbst
zugelieferte
Daten wahrhaft transparent zu machen.
Möglich wäre alles, von der Erfassung politischer
Einstellungen
über verdächtige Hobbys wie Fliegen oder
Schießen bis hin zu Bewegungsprofilen.
Bisher scheitere solcherart Datenkombination allerdings noch an der
Inkompatibilität der
Datensätze. Diese miteinander vereinbar zu machen, daran
arbeiteten allerdings nicht nur von der
NSA finanzierte Entwicklungsfirmen, sondern auch die Internet-Community
selbst. So treffen sich
die Interessen der Geheimdienstler beispielsweise mit denen des World
Wide Web Konsortiums
(W3C) , das unter dem Oberbegriff "Semantisches Web" an einem Standard
feilt, der
verschiedenste Daten auf einer Plattform zusammenführen
würde. Ihr Interesse an diesen
Entwicklungen dokumentierte die NSA bereits dadurch, dass offenbar
bereits Spendengelder aus
Töpfen der NSA dem W3C zugeflossen seien.
Was man mit einer solchen Datenkombination erreichen könnte,
erforschte im Auftrag der
"National Security Agency" (NSA) ein Unternehmen namens ARDA,
zwischenzeitlich in "Disruptive
Technology Office" (DTO) umbenannt, berichtet "New Scientist". ARDA
habe bereits demonstriert,
wie man mit Hilfe der Dokumentation von Beziehungsgefügen
zwischen Personen, Artikel- und
Buch-Veröffentlichungslisten und Finanzinformationen
Börsen-Insidergeschäften auf den Grund
kommen könnte oder Plagiaten im Bereich wissenschaftlicher
Veröffentlichungen.
"New Scientist" warnt vor den Potenzialen solcher
Schnüffelmöglichkeiten, die weit über
Verbrechensbekämpfung und Terrorabwehr hinaus gingen. Schon
jetzt stolperten Menschen über
freiwillige MySpace-Veröffentlichungen und ähnliches,
indem sie sich durch die Offenlegung
persönlicher Informationen beispielsweise bei der Jobbewerbung
selbst disqualifizierten.