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Alptraum ‘pataphysisch
Oder die Kunst, die Welt so zu sehen, daß einem dabei lachend
schlecht wird - von Alexander Schürmann-Emanuely
Alle Jahrzehnte einmal bricht sie wieder hervor, die Wissenschaft der
erfundenen Lösungen und der Ausnahmen: die
‘Pataphysik.
Vielleicht genau dann, wenn die Welt ruhig betrachtet am
verrücktesten, am brutalsten wirkt, verwirrt, nur Probleme,
aber
keine Lösungen bietet. Die ‘Pataphysik bietet dann
zwar
keine Erlösung, jedoch eine unendliche Anzahl von
Lösungen
an, da sie sich methodisch ausschließlich mit diesen
beschäftigt, nach dem immer verträglichen und
brutalen Motto:
zuerst die Lösung, dann das Problem.
Wenn mensch beginnt, gänzlich in der ‘pataphysischen
Herangehensweise aufzugehen, dann scheint ihm diese auch als einzig
möglicher Weg, um sich vom etablierten, lizenzierten,
gesellschaftlichen Wahnwitz, auf den wohl nicht näher
eingegangen
werden muß, nicht anstecken zu lassen und seinen eigenen zu
entwickeln. Ihm wird bewußt, daß jenseits der
‘Pataphysik nichts ist, sie die letzte Instanz darstellt, die
letzte Instanz von allem, das absolute Dogma. Ein
‘Pataphysiker
argumentiert leicht, da er keine Berührungsängste mit
dem
Größenwahn zu haben braucht
‘Pataphysik gibt es natürlich schon seit immer und
sie war
überall auf dieser Welt vorhanden. Erst aber um das Jahr 1900
wurde sie bewußt eingesetzt, nämlich vom
Schriftsteller
Alfred Jarry. Obwohl sie bis heute hauptsächlich von Literaten
gepflegt und gepredigt wird, ist sie keine philosophisch-literarische
Schule, die in Paris gegründet wurde, um der
Gefräßigkeit von Buchstabenkonsumenten vorgeworfen
zu
werden. Sie ist eine Wissenschaft mit eigener Hochschule, dem
Collège de ‘Patasphysique in Paris, mit einem
globalen
Forschernetz und vielen medienwirksamen Anhängern, zumindest
alle
paar Jahrzehnte einmal, wenn sie wieder auftaucht.
Folgende Erklärung wurde einmal herangezogen, um
‘Pataphysik
verständlich zu machen: ‘Pataphysik steht
über der
Metaphysik, genauso wie die Metaphysik über der Physik steht.
Illustriert wurde die Erklärung dann so: ein Mann wartet in
einem
Café, die Frau auf die er wartet, kommt durch die
Tür; das
ist Physik. Ein Mann wartet in einem Café, denkt in dem
Moment
an die Frau, auf die er wartet, als sie durch die Tür kommt;
das
ist Metaphysik. Ein Mann wartet in einem Café, verliert die
Geduld und geht, zur gleichen Zeit kommt die Frau durch die
Hintertür, der Mann ist weg, die Frau wartet auf den Mann; das
ist
‘Pataphysik. In aller Einfachheit kann mensch jedoch auch
sagen:
‘Pataphysik ist die Wissenschaft.
Wie überall, wo mensch sich ans Erklären der
‘Pataphysik heran macht, wird auch hier näher auf
Alfred
Jarry eingegangen werden müssen. Guy Debord schreibt in Dieser
schlechte Ruf über ihn: "Selbst wenn man nicht Kafka gelesen
haben
muß, geht man seit rund 60 Jahren ziemlich schnell davon aus,
daß er den Großteil des Grauens dieses Jahrhunderts
angekündigt hat. Genauso weigert man sich jedoch seit noch
längerem anzuerkennen, daß Jarry ein noch viel
enormeres
Grauen ankündigte." Was kann denn ein enormeres Grauen sein,
als
die ‘Pataphysik, ist die ‘Pataphysik doch alles.
Durch die
Schaffung vor allem zweier Figuren wurde der 1873 geborene und 1907
gestorbene Jarry berühmt und mit ihm die
‘Pataphysik:
König Ubu und Doktor Faustroll. Erster war die Atombombe der
‘Pataphysik, zweiter der Erfinder oder besser Wiederfinder,
der
Einstein der Wissenschaft der Wissenschaften.
Doktor Faustroll braucht sich mit keinem Teufel einzulassen, um einiges
auf den Kopf zu stellen. In Taten und Ansichten von Doktor Faustroll
läßt Alfred Jarry den Wissenschaftler auf die
Menschheit
los. Dieser überschüttet diese dann darin mit
‘pataphysischer Methodik und Theorie (siehe Kasten) und zieht
alle, die sich einlesen, in seinen Bann, wie ein Doktor seine
weißen Mäuse in den Bann zieht.
Bewußtseinsträchtiger als der grau schillernde
Theoretiker
war jedoch der Supergau namens Ubu, dessen Geschichte unter anderem im
Theaterstück König Ubu — übrigens
slang-genial von
H.C.Artmann ins deutsche übertragen —
erzählt wird. Ubu
ist ein Monster von einem Wesen, ein wenig dumm, von einer gleichwertig
brutalen, aber vielleicht helleren und ehrgeizigeren Ehefrau
angetrieben; der Mutter Ubu, die ihn motiviert, den König zu
massakrieren und sich selbst zum solchen zu machen. Als Gardehauptmann
fällt ihm dann der Mord auch nicht wirklich schwer. Auf den
ersten
Blick könnte mensch sagen, es handle sich um eine Macbeth
Parodie,
doch ist Ubu selbstverständlich mehr als nur das.
Ubu wird von vielen eher als ein Mythos, als die Symbolfigur
für
die sich verselbstständigende Mutwilligkeit der Macht, denn
einfach nur als eine Figur des Theaters oder der ‘Pataphysik
gesehen. Ubu steht bei erster Betrachtung für den
nimmersatten,
machthungrigen, kleinbürgerlichen Diktatortypen, im
Großen
wie im Kleinen, den das XIX. Jahrhundert geboren und welcher das XX.
Jahrhundert verwüstet hat. Die, die Jarrys Stück
König
Ubu gelesen oder gesehen haben, empfinden den Hochputscher und
Regierungsstapler als einen Klischeetyrannen, einen
Vorbildverwüster, als einen zur Grausamkeit getrimmten und
stehenden Staatsapparat, in dessen Wanst nicht nur Tonnen von Fressen,
sondern vor allem die unzählbaren Opfer seiner
Willkür
passen. Philippe Sollers beschrieb Ubus Wirkung
folgendermaßen:
"Im Zuschauerraum erschauender Schrecken. Dieser Ubu ist weder Erzieher
noch Reformator. Er wartet auf keinen Godot und glaubt nicht einmal,
daß die Welt absurd ist."
Es ist jedoch nicht das 1896 uraufgeführte Stück an
sich,
welches in die Geschichte eingegangen ist, sondern die Figur des Ubu.
Selbst wenn in Frankreich die wenigsten je eines der
Ubu-Stücke in
Theater oder Fernsehen gesehen haben, außer vielleicht in der
Schulzeit, ist der Begriff "ubuesque" ein allgemein
geläufiger,
den man gerne verwendet, um von etlichen Figuren der Geschichte oder
der Gegenwart zu reden. Vor einigen Jahren forderte der Politologe
Pascal Ory sogar ein eigenes Studienfach: die "Ubulogie" (hat
natürlich nichts mit ‘Pataphysik, bzw. alles mit ihr
zu
tun), die Erforschung der Tyrannei.
Warum beschäftigen sich aber avantgardistische Schriftsteller,
solche die mensch als revolutionär humanistisch umschreiben
kann,
wie Boris Vian, Raymond Queneau u.v.a. in den 50er Jahren dann
plötzlich nicht nur mit der ‘Pataphysik, sondern
leben und
vertreten sie auch, ganz im Sinne Ubus? Sie organisierten sogar das
‘Pataphysische Collège, welches stark an die
Strukturen
der katholischen Kirche, vor allem an den Jesuitenorden erinnerte, und
zwar in einer dermaßen übertriebenen Form,
daß dieser
automatisch ins Lächerliche gezogen wurde. Die
Erklärung,
warum mitten im kalten Krieg, mitten im Atombombenzeitalter die
‘Pataphysik ein taugliches Element der Kritik sein konnte,
ist
einfach: mit der wissenschaftlichen Nonsens-Methode der
‘Pataphysik können alle Phasern der Gesellschaft neu
verzerrt und somit nicht selten ins richtige Licht gerückt
werden,
kann das, was der Mensch allen Ernstes von sich gibt, als eindeutig
un-ernst enttarnt werden. Ohne zu relativieren, will die
‘Pataphysik eine übertriebene Realität
darstellen, die
der Realität sehr nahe kommen soll. Ganz klar, für
Vian,
Queneau u.v.a. war die ‘Pataphysik der Schwarze Humor im
Dienste
der Revolution und des Humanismus.
Im Essay An der Schwelle der ‘Pataphysik von seiner
Magnifizenz
(ein hoher ‘pataphysischer Würdentitel, daneben gibt
es auch
den General-Aufseher-Adjunkt und Bittsteller, u.v.m.) Roger Shattuck,
gibt es eine prägnante Stelle, die ausreichend illustriert,
wie
Realität sich ohne ‘pataphysisches Zutun schon
selbst ins
Unernste, ins Groteske verzerrt: "Einige Monate zuvor hatte ein
Versehen offenbart, dass Diplomaten ihren Ruf und die Zukunft ihres
Landes aufs Spiel setzen durch ihre Gewandtheit, im Verlaufe der
Konferenz Wörter wie "Einhorn", "Hermaphrodit" oder sonst
irgendein seltsames Wort, auf welches die Partner sich geeinigt haben,
mit aller Natürlichkeit zu gebrauchen. Es galt die Regel, es
als
erster zu sagen, ohne daß es gekünstelt schien."
Wenn diese
der Realität entsprungene Geschichte eher an Monty Python
erinnert, ist dazu nur zu sagen, daß diese ebenfalls
bekennende
‘Pataphysiker waren.
Die ‘Pataphysiker exerzieren in ihren Alpträumen,
ähnlich wie schon einst Marquis de Sade, vor, wie grauslich
die
Welt ist, sie sind Spiegel aus schwarzem Humor und über das
gesehene Abbild seiner selbst muß mensch lachen, auch wenn
dieses
Lachen noch so unpassend und demaskierend ist. Sie lassen sich nicht
auf die Diskussion ein, ob sie es ernst meinen oder nicht, einzig die
Darstellung des Wahnwitzes als menschliche Komödie steht im
Vordergrund. Im Gegensatz zu Ödön von
Horváth, der
behauptet hat, daß das einzelne Schicksal eine
Tragödie und
das Schicksal aller eine Komödie ist, zeigen die
‘Pataphysiker, daß jedes einzelne Schicksal eine
Komödie darstellt, ohne Widerruf.
Aber jeder Alptraum, egal wie groß, ist nur eine Ausnahme.
Grund
genug, die Hoffnung nicht zu verlieren? Die ‘Pataphysik als
letzte Instanz läßt nur Ausnahmen zu, keine
Allgemeinregel,
somit auch keine Hoffnung. Nicht jeder Mensch ist Ubu, vielleicht aber
nur jeder, der regieren will, und wer will das nicht? Die
‘Pataphysik bringt keine neuen Kenntnisse, behauptet sie
sowieso,
daß jede Form von Kenntnis ‘pataphysisch ist, sie
will nur
die grotesken Seiten der Menschheit, die in ihrer Normalität
schon
jeden Schrecken eingebüßt haben, so darstellen,
daß
sie wieder unerträglich werden. In einem Hörspiel
nach Alfred
Jarry von H.C.Artmann spielte Helmut Qualtinger den König Ubu,
in
einem Ton, der nicht umsonst an den Herrn Karl erinnerte.
Alfred Jarry / Doktor Faustroll 'Elemente der ‘Pataphysik'
(www.gatzke.org/patata.htm)
Definition: Die Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer
Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte,
wie
sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.
Die gegenwärtige Wissenschaft stützt sich auf das
Prinzip der
Induktion: die meisten Menschen haben ein Phänomen oft genug
einem
anderen vorausgehen oder nachfolgen sehen, und schon
schließen
sie daraus, dass es immer so sein muss. Nun trifft dies aber nur
meistens zu, hängt vom Standpunkt ab und unterliegt dem Gesetz
der
Bequemlichkeit - und dennoch! Sollte man nicht, statt das Gesetz des
freien Falls der Körper auf einen Mittelpunkt hin zu
formulieren,
vielmehr die These vom Aufsteigen der Leere zu einer Peripherie hin
vorziehen, indem man die Leere als Einheit der Nicht-Dichte betrachtet,
eine Hypothese, die viel weniger willkürlich ist als die
Festlegung auf die konkrete, positive Dichte-Einheit Wasser?
Denn eben dieser Körper ist Voraussetzung und Gesichtspunkt
für die Summe der Massen, und damit wenigstens seine
Eigenschaften, wenn schon nicht seine Natur, nicht allzu sehr
variieren, muss notwendig vorausgesetzt werden, dass die
Körpergröße der Menschen immer sichtbar
konstant und
untereinander gleich bleibt. Die weltweite Übereinkunft ist
schon
ein fast wunderbares und unbegreifliches Vorurteil. Warum behauptet
jeder, die Form einer Uhr sei rund, was offensichtlich falsch ist, weil
sie im Profil ein rechteckiges, schmales, zu drei Vierteln elliptisches
Bild bietet, und warum, zum Teufel, nimmt man ihre Form erst in dem
Augenblick wahr, wo man die Tageszeit abliest? Vielleicht geschieht es
unter dem Vorwand der Nützlichkeit. Aber dasselbe Kind, das
die
Uhr rund zeichnet, zeichnet auch das Haus viereckig, nach der Fassade,
und das ganz offensichtlich ohne zwingenden Grund; denn außer
auf
dem Land sieht es selten ein alleinstehendes Gebäude, und in
einer
Straße erscheinen sogar die Fassaden als sehr
schräge
Trapeze.
So muss man wohl oder übel zugeben, dass die Masse
(einschließlich kleiner Kinder und Frauen) zu
grobschlächtig
ist, um elliptische Figuren zu begreifen, und dass die Einzelnen sich
der sogenannten weltweiten Übereinkunft anschließen,
weil
sie nur Kurven registrieren, die zu einem gemeinsamen Brennpunkt
streben; denn es ist leichter, sich in einem Punkt zu treffen als in
zweien. Tangential, mit dem Rand ihrer Bäuche kommunizieren
sie
und halten sich im Gleichgewicht. Nun, selbst die Masse hat gelernt,
dass das wahre Universum aus Ellipsen besteht, und selbst die
Bürger füllen ihren Wein in Fässer ab und
nicht in
Zylinder.
Um auch in einer Abschweifung unser übliches Beispiel, das
Wasser,
nicht zu verlassen, wollen wir also darüber nachdenken, was
der
Geist der Masse in folgendem Satz respektlos von den Adepten der
Wissenschaft der Pataphysik sagt:
Faustroll kleiner als Faustroll